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15. September 2025 | Aktuelles

EPISCH! Philipps Ride in den Club des Cinglés du Mont Ventoux

Ein epischer Tag auf dem Weg zum Mitglied im Club des Cinglés du Mont Ventoux!

 

Was macht man, wenn man als Radsportler vier Wochen Zeit hat? Richtig, eine große Reise, die durchaus etwas verrückt werden darf. Nicht nur, dass am Ende über 33000 Höhenmeter auf 1643 Kilometer absolviert sind. Auf dem Mars könnte man es die Höhenmeter betreffend zumindest teilweise am Stück fahren, wenn man auf den mit fast 22 Kilometern Höhe höchsten Berg des Sonnensystems, den Olympus Mons, fahren würde. Da Radsport auf dem Mars allerdings zumindest jetzt noch keinen Legendenstatus besitzt und er auch nicht so leicht erreichbar ist, wandele ich auf den Spuren der Tour der France u.a. an der Cime de la Bonette, am Col d’Izoard, Col du Galibier oder in Alpe d’Huez, um nur einige wohlklingende Namen zu nennen. Aber reicht das? Nein, es muss noch mal was richtig Verrücktes sein! Dafür braucht es den einen oder anderen Anstoß. Aber man wird fündig. Kurz überlegen. Ist das verrückt? Ja! Mache ich es? Ja!

Sonnabend, 16. August 2025, es ist gerade einmal 4:30 Uhr und noch dunkel. Angesichts der zu erwartenden Hitze mit an die 40 Grad Celsius ist das frühe Aufgeben der Horizontallage geboten. Hier ist sie also, die Hitzewelle, die überall in Europa bis nach Nordskandinavien spürbar war, während sie Hamburg fast schon klischeehaft scheute wie der Teufel das Weihwasser. Der Mond weist nur rechts oben eine kleine angeknabberte Stelle auf und erhellt die warme Nacht am Fuße des Mont Ventoux. Natürlich nicht auf den Kerguelen, einer subantarktischen Inselgruppe, die zu Frankreich gehört, auf der ein Mont Ventoux zu finden wäre. Gemeint ist selbstverständlich der Gigant der Provence (Géant de Provence) mit seinen 1910 Metern Höhe. Wer es beim Kicken mit dem frisch gebackenen Derbysieger hält, schnalzt hier zusätzlich mit der Zunge. Primär ist er aber ein Radsportmonument, welches schon von Weitem verstehen lässt, warum der Mont Ventoux zu einem solchen geworden ist. Allein sein Anblick lässt eine gewisse Gänsehaut aufkommen. Diese kann ich bereits am Vorabend verspüren, genauso wie ein gewisses Kribbeln.

Vermutlich auch ohne Radsport bereits von den Kelten als heiliger Berg verehrt, gehört er zu den sog. Subalpinen Ketten, die den eigentlichen Alpen vorgelagert sind. Gerade deshalb weist er in der Region ein Alleinstellungsmerkmal auf und macht ihn nicht zuletzt auch wegen der völlig baumlosen Gipfellandschaft und dem markanten Turm auf seiner Spitze von Weitem sichtbar. Etymologisch betrachtet heißt er dementsprechend dem lateinischen Ursprung nach auch in etwa „Berg, der von Weitem sichtbar ist“ und nicht wie weitläufig angenommen wird „windiger Berg“, was angesichts der teilweise heftigen Mistralwinde aber auch nicht ganz unpassend wäre.

Der Drang, den Mont Ventoux zu erklimmen ist bereits in einem Brief vom 26. April 1336 dokumentiert, in dem der Dichter Francesco Petrarca schildert, wie er zusammen mit seinem Bruder den Mont Ventoux bestieg. Aus kulturhistorischer Sicht wird diese Schilderung auch als früher Startpunkt der sich im 15. und 16. Jahrhundert ausbreitenden Renaissance zugerechnet, da der Brief in für die damalige Zeit besonderer Weise von Natur- und Selbsterfahrung berichtet. Seinerzeit erfolgte das Erklimmen natürlich noch zu Fuß und nicht mit dem Rad. Zudem war der Mont Ventoux auch noch bewaldeter und nicht von der heute markanten Karstlandschaft am Gipfel geprägt. Dieses Kalkschotterfeld ist übrigens zumindest freiliegend nicht natürlichen Ursprungs, sondern Zeuge vergangener Umweltsünden. Umfangreiche Rodungen zur Holzkohleerzeugung und zum Flottenbau des Ancien Régime haben vor allem im 18. Jahrhundert dazu geführt, dass wir heute diese Landschaft vorfinden. Selbst die heutigen Wälder sind größtenteils in der Zeit Napoleons III. Mitte des 19. Jahrhunderts wieder aufgeforstet worden. Zuvor muss der Berg als Folge der zügellosen Gier nach Holz nahezu komplett nackt ausgesehen haben. Seit 1990 ist der Mont Ventoux immerhin von der UNESCO zum Biosphärenreservat ernannt worden, sodass sich derartige Exzesse hoffentlich nicht wiederholen werden.

Im Rahmen der Tour de France kam man erst 1951 auf die Idee dem geschilderten Gipfeldrang durch Befahrung mit dem Rennrad nachzugehen. Der Mont Ventoux wurde auf der 17. Etappe von Montpellier nach Avignon erstmals von Malaucène kommend Richtung Bédoin überquert. Bislang 18 Mal war er Teil der Tour de France, meist als Bergankunft, welche den Mythos formten. Zuletzt in diesem Jahr, wovon auf der Auffahrt von Bédoin noch zahlreiche auf die Straße gemalte Schriftzüge zeugen. Attacken gab es viele am Mont Ventoux und das bereits 1951, als der Franzose und Gesamtzweite Raphaël Géminiani vier Mal erfolglos versuchte, den gesamtführenden Schweizer und späteren Toursieger Hugo Koblet zu distanzieren. Ebenso waren Radsportlegenden wie Eddy Merckx 1970 oder Marco Pantani 2000 hier Sieger. Ein von Bédoin bzw. Sault kommend nur gut eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel am rechten Wegesrand liegender Gedenkstein zeugt von der Tragik, die sich am 13. Juli 1967 ereignete, als der Brite Tom Simpson wohl nach dem Konsum einer Mischung aus Alkohol und Amphetamin-Tabletten völlig entkräftet vom Rad fiel und verstarb. „Put me back on my bike“ sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Die jüngeren Jahrgänge erinnern sich allerdings eher noch daran, dass Jonas Vingegaard es 2021 einmal schaffte, Tadej Pogačar kurz zu distanzieren, wobei sich Letzterer den Toursieg dennoch nicht nehmen ließ und Vingegaard bereits auf der Abfahrt wieder einholte. Auch 2016 bleibt in Erinnerung als das Ziel der 12. Etappe aufgrund der erwarteten Mistral-Sturmböen von mehr als 100 km/h auf dem Mont Ventoux rund 6 Kilometer zur Skistation Chalet Reynard auf 1435 m verlegt wurde und dazu führte, dass die Zuschauer sich entsprechend dicht drängten. So kam es, dass Chris Froome noch einmal auf den Spuren von Petrarca zu wandeln schien, nachdem er nach einer Kollision mit einem Kamera-Begleitmotorrad, welches zuvor wegen der Zuschauer eine Vollbremsung hinlegen musste, sein kaputtes Rad mit gebrochenem Rahmen liegen lassen und ein Stück weit im Laufschritt gen Ziel schreiten musste. Briefe sind von dieser Erfahrung zwar nicht hinterlegt, allerdings hatte man bei der Jury ein Einsehen und ihm nach einigem Überdenken die Gesamtführung doch noch belassen.

Aber nicht nur bei den Männern ist der Legendenstatus des Mont Ventoux unbestritten, auch bei den Frauen wurde er erstmals im Jahr 2016 erklommen und war Zielort der „Tour Cycliste Féminin International de l’Ardèche“. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier ähnliche Legendinnengeschichten entwickeln und somit auch im Frauenradsport noch viele Geschichten auf ihre Erzählung warten werden.

Für uns Hobbysportler reicht normalerweise eine Auffahrt aus. Wenn es da nicht den Club des Cinglés du Mont Ventoux gäbe – den Club der Verrückten! Um dort Mitglied zu werden, muss man an einem Tag alle drei Auffahrten des Mont Ventoux meistern, also von Bédoin, von Malaucène und von Sault aus. Macht dann gut 137 Kilometer und 4400 Höhenmeter. Keine reine Flachetappe mehr. Ist das bekloppt? Ja, aber leider geil! Warum macht man das? Weil ich es kann! Hierzu meldet man sich auf der Seite des Clubs an und bekommt wenig später seine Stempelkarte zugeschickt, die man am Tag seiner Wahl in den drei genannten Orten sowie am Gipfel abstempeln lässt, um so die Erfüllung der gestellten Aufgabe zu dokumentieren. Es gibt sogar Leute, die machen das Ganze an einem Tag zwei Mal, fahren also jeden Anstieg zwei Mal und damit insgesamt sechs Mal hoch. Die heißen dann Bicinglés, also doppelt Verrückte. Aber gut, wir fangen erstmal „klein“ an.

Gesagt, getan. Nach einem Frühstück und nachdem der anfangs beschriebene Mondschein der Morgendämmerung gewichen war, ging es um 6:46 Uhr in Bédoin aufs Rennrad für die Auffahrt aus südwestlicher Richtung. Das Thermometer zeigt bereits satte 25 Grad Celsius. Du denkst, du bist zu dieser nachtschlafenden Zeit alleine? Pustekuchen! Schon bei der Ortausfahrt kommst du dir ein bisschen vor wie bei einem Radmarathon, denn es gibt natürlich noch andere, die den Giganten befahren wollen. Ob nun drei oder „nur“ ein einziges Mal weiß ich nicht, aber es motiviert schon mehr. Genauso wie das sich an der Kante des Mont Ventoux brechende Licht der aufgehenden Sonne oder die Straßenmalereien aufgrund der Touretappe von diesem Jahr, die ebenfalls den Anstieg von Bédoin nahm. Am fleißigsten sind zweifellos die Dänen gewesen. Aber auch „Lipo“ oder „Ulle“ liest man immer wieder. Auch die Briten zeigen aber einen gewissen Wortwitz, steht doch in Anlehnung an eine Plattform mit meist lasziven Inhalten „Onleyfans“ auf den Asphalt geschrieben. Die Zuschauer sind zwar längst verschwunden, aber auch so reicht es aus, um ein bisschen das Tour-Gefühl zu bekommen.

Immerhin geht es nun 21,4 Kilometer lang bei einer durchschnittliche Steigung von 7,5 % nur bergauf für gut 1600 Höhenmeter. Und das ist erst die erste Auffahrt. Anfangs ist der Gigant auf den ersten fünfeinhalb Kilometern mit ca. 3-5 % Steigung noch gnädig, ehe es in waldigem Umfeld in der Folge nur noch mit einer Steigung von knapp unter 10 % bergauf geht. Insgesamt lasse ich es ruhig angehen, denn es wird noch ein langer Tag und vor allem ziemlich heiß. „Keine Rennen“ ist heute die Devise, auch wenn ich trotzdem einen nach dem anderen überhole und das selbst im Lichte meiner seit Jahren grassierenden Adipositas. Außerdem ist Urlaub und da bleibt es nicht aus, diverse Fotos und Videos während der Fahrt zu machen oder gar mal ganz kurz anzuhalten. Zu erblicken gibt es jedenfalls genug.

Weiter oben lichtet sich der Wald langsam, ehe beim Chalet Reynard auf ca. 1400 Metern Höhe nach ungefähr 15 Kilometern an der Einmündung der D 164 von Sault auf die D 974 von Bédoin nach Malaucène das markante Kalkschotterfeld beginnt, das wie eine Mondlandschaft aussieht. Einen jungen Franzosen habe ich bei der Auffahrt bis kurz hinter dem Chalet Reynard eine Zeit lang im Schlepptau und seine Familie begleitet ihn, indem sie immer ein Stück mit dem Auto vorfährt und ihn dann an passender Stelle anfeuert. Der kleine Bruder klatscht mich sogar ab. So gewinnt man seine Fans und der Radsport seine. Langsam steht die Sonne auch hoch genug, dass es bereits erahnen lässt, wie anstrengend der Tag noch werden kann. Denn Schatten gibt es hier nicht mehr. Ab dem Chalet Reynard sieht man den Gipfel permanent, da es nichts mehr gibt, was die Sicht behindern könnte. Ab hier wird es langsam wirklich episch, da man anfangs noch kurz bei moderaten Steigungswerten um die 5 % den Anblick und auch den Ausblick in die Provence mehr als genießen kann, ehe man für die letzten fünf Kilometer bei steileren Steigungsprozenten um die 8 % Prozent noch einmal gut gefordert wird. Erwähnenswert ist übrigens auch die eigene Radspur, die an den Anstiegen über weite Strecken vorhanden ist, so dass man ganz entspannt hochfahren kann.

So kommt er also immer näher, dieser majestätische Turm auf dem Gipfel des Giganten. Und wer die Zielankunft der Tour de France dieses Jahr gesehen hat, der weiß, wie unglaublich die letzte Kurve und die Rampe zur Aussichtsplattform aussieht und sich erst recht anfühlt, wenn man sie das erste Mal befährt, zumal Autos die letzten Höhenmeter nicht befahren dürfen. Geschafft! Das erste Mal oben auf dem Mont Ventoux. Es ist noch recht früh am Morgen und nicht viel los gegen halb neun. Man muss nicht einmal anstehen für Fotos. Eine echte Augenweide und ein tolles Gefühl, hier den Weitblick zu genießen. Zumal es oben nur knapp über 20 Grad sind.

Kraft ist auch noch gut vorhanden und so fahre ich die 20,1 Kilometer lange Abfahrt nach Malaucène herunter. Oben gibt es auch einige Serpentinen und ich sehe, wie der Turm kurz die Morgensonne verdeckt. In dem Wissen, da wieder hoch zu müssen. In Malaucène hole ich mir bei einem kleinen Laden den ersten Stempel auf die Stempelkarte und ein Getränk dazu. Die Ladeninhaberin feuert mich an und bestärkt mich mit netten Worten für den zweiten Anstieg.

Also nochmal 21 Kilometer rauf. Noch einmal gut 1600 Höhenmeter sammeln. Unten ist man in einem sehr schönen Waldstück mit Pinien. Gefiel mir noch einen Tick besser als bei der Auffahrt von Bédoin, wo keine Pinien wachsen. Es wird auch schneller steil und der Mittelteil ist sicher der anspruchsvollste Teil mit Rampen jenseits der 10 %. Dafür hat man aber noch ein bisschen Schatten, zumal man sich hier auf der Nordwestseite befindet und die Sonne noch nicht ganz so hoch stand. Aber auch das legt sich im Verlauf des Anstiegs und die letzten sechs Kilometer sind mit durchschnittlich gut 8 % Steigung standesgemäß.

Hier fährt man dem Gipfel und der Sonne teilweise fast wie auf einer Himmelsleiter förmlich entgegen. Letztere war nun auch schon sehr deutlich spürbar, selbst in dieser Höhe. Erst kurz vor dem Gipfel lässt man die letzten Bäume hinter sich und kommt von der Rückseite, bei der man den Gipfel mit seinem Turm von deutlich niedrigerer Position erblickt. Man muss den Kopf schon etwas in den Nacken legen, um ihn hoch oben thronend zu sehen. Ein Gigant fordert eben auch mal etwas Demut ein.

Aber nachdem auch die letzten Meter überwunden sind, stehe ich ein zweites Mal auf der Aussichtsplattform. Mittlerweile ist ziemlich viel los hier oben. Man drängt sich fast schon etwas, wenngleich mit mehr Platz als die Sardinen in ihrer Dose. Aber es ist verständlich, dass auch andere Menschen hier oben etwas Abkühlung von der Hitze unten suchen. Ich hole mir hier den zweiten Stempel ab, denn am Gipfel muss man nur einmal stempeln lassen und kann sich aussuchen, bei welcher Auffahrt. Ich bleibe nicht sehr lange und trinke nur kurz ein weiteres Getränk. Zwei von drei Auffahrten geschafft und die Mission des Tages fest im Blick. So richtig Abkühlung gibt es nach meinem Empfinden aber nicht mehr.

Ich fahre nun runter nach Sault. Die Abfahrt ist gefühlt aber eher vergleichbar mit dem Aufguss oder dem Handtuchschwenken in der Sauna. Die Hitze ist unglaublich. Gerade auch im Fahrtwind. Fast 40 Grad Celsius und man muss auf der Abfahrt nach Sault nicht nur treten, da sie flacher ist, sondern in den Ort rein am Ende nach Überquerung der Nesque auch noch einmal einen nicht gerade flachen kleinen Gegenanstieg bezwingen. So bin ich also angekommen in Sault und finde einen Bäcker, der mir einen kleinen Snack verkauft und natürlich den nächsten Stempel beschert. Auch der Ort ist recht hübsch. Wasser kann ich am Brunnen auffüllen. Angesichts der Hitze hätte ich mich auch gleich reinlegen können, aber nützt ja nichts. Einmal muss ich mich noch aufraffen für die Ostauffahrt. Unten kein Schatten, brutale Hitze und auf dem Asphalt bestimmt 50 Grad. Immerhin ein kurzer Blick auf die allerdings bereits abgeernteten Lavendelfelder, für die die Provence auch bekannt ist. Auch der von fleißigen Bienen gesammelte Lavendelhonig ist sehr empfehlenswert. Es gibt in der Provence sogar Lavendeleis. Aber nicht jetzt. Ich muss noch rauf. Der Anstieg ist landschaftlich eher unspektakulär und auch von den Steigungsprozenten her recht gut zu fahren. Geht sogar teilweise auf dem großen Blatt. Sie ist mit 25,6 Kilometern zwar die längste Auffahrt, aber mit 4,5 % durchschnittlicher Steigung auch die leichteste.

Dennoch ist angesichts der Hitze die Disziplin zu wahren. Übermut ist bei einem Giganten absolut fehl am Platz. Bis oben wird es auch nicht mehr kühl. Selbst auf dem Gipfel werden es am Ende 27 Grad sein. Die Einsicht, dass man gar nicht mehr zumindest annähernd so viel wie benötigt trinken kann ist auf jeden Fall da. Dafür darf man ab dem Chalet Reynard noch ein zweites Mal die bekannte Auffahrt durch die Mondlandschaft fahren und ab hier ist es auch nicht mehr moderat steil. Den Gipfel aber immer fest im Blick. Allerdings im Gesicht auch den nunmehr deutlich zugenommen Brise des Mistralwind. Von vorne. Mistral heißt etymologisch auch Meister, den man hier sprichwörtlich findet. Dieser entsteht im Rhônetal und kommt entsprechend aus nordwestlichen Richtungen. Vor allem an den Kirchtürmen kann man sehen, dass es in der Provence aufgrund des geringeren Widerstandes winddurchlässige Glockenkäfige gibt und keine bis oben geschlossenen Kirchtürme. Denn der Mistral kann schon recht erbarmungslos sein. Es ist auch heute eher stürmisch und wie oft beschrieben als kühl kann ich ihn wahrlich auch nicht mehr bezeichnen. Da ist wieder dieses Saunagefühl. Bei den Steigungsprozent um die 8 % und dem Mistral gilt es auf den letzten Kilometern also noch einmal die letzten Körner raus zu quetschen. Auch das ist der Gigant. Das Bestehen einer solche Herausforderung wie für die Aufnahme in den Club des Cinglés gibt es eben nicht auf dem Silbertablett serviert. Das ist noch echte Arbeit. Ich beginne die Kilometer herunterzuzählen und am Straßenrand stehen auch immer die Markierungssteine, auf denen die Distanz bis zum Gipfel, die aktuelle Höhe und die durchschnittliche Steigung auf dem nächsten Kilometer geschrieben stehen. Auch den Ausblick kann ich noch einmal genießen. Trotz aller Arbeit. Denn gleich ist es soweit. Noch einmal diese legendäre letzte Rampe zur Aussichtsplattform und die dritte Auffahrt ist gemeistert! Und das Wissen, jetzt nur noch 21 km runterrollen zu müssen, ist schon nicht das schlechteste Gefühl.

Ja, ich habe es heute wirklich durchgezogen! Der Blick auf die enormen Salzkrusten in meinem Trikot beweisen es. Nicht nur mir, sondern auch allen anderen, die noch da oben sind. Deutlich weniger Menschen als beim zweiten Anstieg sind noch oben, aber auch hier zeigen sich die Franzosen wieder von ihrer sehr gastfreundschaftlichen Art. Kaum raste ich ein wenig und genieße noch einmal den Anblick in die Ferne, bekomme ich von einer französischen Familie schon ein mit einer leckeren Kräuterpaste bestrichenes Brot in die Hand gedrückt. Und ein Ei, ein paar Orangenstücke, dann noch ein Brot mit Käse und noch ein paar Níspero genannte Früchte. Komplettes Mittagessen. Ein Träumchen! Ich kann mich gar nicht so sehr bedanken, wie es angemessen gewesen wäre, aber sie waren begeistert, dass ich drei Mal hochgefahren bin. Nach dieser Stärkung geht es noch einmal an das Gipfelschild für ein paar Fotos. Auch die Kraft, mein Rad einmal hochzuheben ist noch da. Eigentlich möchte ich auch noch gar nicht wieder runter und unterhalte mich noch mit zwei Iren. Man trifft eben überall Radsportbegeisterte. Ich genieße noch den Blick auf den Turm und in die Ferne sowie die gesamte Atmosphäre auf dem Gipfel des Giganten der Provence, diesem Radsportmonument.

 

                                           

                          Die Kraft war noch da                               

Mit einem wirklich nicht ganz unwesentlichen Trennungsschmerz fahre ich dann wieder ab nach Bédoin. Eine Schafherde kreuzt oben noch einmal den Weg und natürlich haben sie Vorrang vor Autos und Radfahrenden. Ich genieße so viel wie möglich noch einmal jeden Blick, jedes Detail und einfach alles, was ich an diesem Tag erlebt und gesehen habe. Man muss das schon ein wenig aufsaugen. Es bleibt auch gar nicht aus. In Bédoin knallt die Sonne bei 36 Grad Celsius, was die Franzosen übrigens nicht davon abhält, den ganzen Tag auf zahlreichen Bahnen in der prallen Sonne Pétanque zu spielen. Ich fahre allerdings in eines der Radsportcafés, setze mich in einen Liegestuhl im Schatten, trinke Wasser und Limonade und hole mir den letzten der vier Stempel. Meine Karte ist nun tatsächlich vollständig und die Herausforderung erfüllt. Was für ein Gefühl.

Nach all den Strapazen noch duschen und dann in Bédoin zur Feier des Tages so richtig schön essen. Mit Nachtisch. Adipositas und so. Das habe ich mir heute wirklich verdient und Bédoin ist auch der belebteste der drei Orte am Fuße des Mont Ventoux mit unübersehbarer Radsportatmosphäre. Hier kann man einen solchen Tag absolut angemessen ausklingen lassen. Auch hier weht der Mistral noch sehr ordentlich und konstant bis in die Nacht hinein. Ich sende noch die Stempelkarte ein und nachdem ich nach Hamburg zurückkehre, findet sich auch schon die Medaille und das Zertifikat im Briefkasten. Ich bin jetzt offiziell Mitglied im Club des Cinglés du Mont Ventoux. Das ist noch einmal ein besonders Gefühl, weckt alle Erinnerungen und Momente dieses Tages und natürlich bekommen die Medaille und der Mont Ventoux zu Hause einen besonderen Platz. Ein Tag, der nicht wie jeder andere ist. Ein epischer Tag!